Nachgefragt: „Sexuell freie Frauen sind Nutten“

Eine Frau darf den Beischlaf nicht verweigern, Jungfräulichkeit ist das Wichtigste, nur Männer dürfen sich sexuell frei ausleben, etc… Mit solchen Ansichten ist Alima* aufgewachsen. Mit dem Beginn der Pubertät hat sich ihr Leben verändert. Sie hat es gehasst, eine Frau zu sein. Warum dies so war, haben wir nachgefragt. (*Name geändert)

 Wann kamst du mit dem Thema Sex das erste Mal in Berührung?

Das erste Mal kam ich damit in Berührung, als ich meine Eltern beim Sex erwischt habe. Meine Eltern haben immer, wenn sie sich Zeit für sich genommen haben, die Tür zum Schlafzimmer abgeschlossen und sich auch nicht von uns Kindern stören lassen. Dennoch war Sexualität immer ein Tabuthema in unserem Haus. Meine ersten Berührungen mit Sex bzw. sexualisierenden Bildern fingen mit den Otto-Katalogen an. Da sah ich das erste Mal halbnackte Frauen in Dessous und auch Sexspielzeug war abgebildet. Im Fernsehen habe ich das erste Mal Sex-Szenen gesehen. Viva sowie MTV zeigten oft Damen mit exorbitant großen Brüsten. Damals waren Musikvideos teilweise schon stark sexualisiert. Die Videos habe ich heimlich mit einer Freundin angeguckt.

Wie fand bei dir Sexualaufklärung statt?

Jungfräulichkeit war schon immer ein Thema in der Familie. Es war das Wichtigste und Wertvollste. Sexuell freie Frauen wurden als Nutten bezeichnet und ich habe schon sehr früh viel davon mitbekommen, wie sich eine Frau zu verhalten hat. Meine erste Aufklärung kam mit der ersten Regelblutung. Meine Mutter hat mir erklärt, dass ich jetzt eine Frau sei, bestimmte Regeln zu beachten habe und mein Körper sich jetzt zu dem einer Frau entwickelt. Meine Eltern hatten nie etwas gegen Sex bzw. Sexualaufklärung im biologischen Sinne. Prämisse war immer: Erst wenn du verheiratet bist, dann darfst du auch mit deinem Ehemann schlafen und verwehren sollst du ihm den Beischlaf auch nicht, weil du das als gute Ehefrau nicht darfst. Es gab auch die Ansicht, dass eine Frau nicht mehrere Männer haben darf, aber Männer könnten sich ruhig austoben und mehrere Frauen heiraten.

 Hast du einen Unterschied zu Deutschen bemerkt hinsichtlich deines Aufklärungswissen?

Die Deutschen haben natürlich ein entspannteres Verhältnis zu sich, ihren Körpern und dem Thema Sex. Für mich war es in meiner Pubertät anfänglich eher schwierig damit umzugehen, jetzt eine Frau zu sein, weil mir auch sehr viele Freiheiten beschnitten worden sind (nicht mehr schwimmen gehen, kein Fahrrad fahren, keine Jungs treffen, keine Übernachtungen etc.). Dadurch, dass mein Leben stark reglementiert war und ich bei Regelverstoß mit drakonischen Strafen zu rechnen hatte, war es für andere immer entspannter als für mich. Ich habe mir damals immer gewünscht ein Junge zu sein, weil es für mich mit Freiheit verbunden war.

Meine deutschen Freunde sind auch früher mit Sex in Kontakt gekommen als ich. Es war immer ein schwieriges Thema für mich, das auch unangenehm und nicht zu besprechen war. Erst mit 17 Jahren habe ich angefangen, mich mit mir und meiner Weiblichkeit anzufreunden.

 Was hättest du dir gewünscht als du aufgeklärt worden bist?

Ich hätte mir gewünscht, nicht mit dem Mantra aufgeklärt worden zu sein, dass Jungs nur das EINE wollen und dass das Wichtigste meine Jungfräulichkeit ist. Es wäre gut gewesen, wenn meine Eltern selbst aufgeklärt gewesen wären. Generell war das Thema mit dem Sexualkunde-Unterricht für meine Eltern gegessen und ja, auch meine Mutter hält Tampons für Mini-Penisse. Ich durfte nur Binden benutzen.

Wie ist deine Familie mit dem Thema Sexualaufklärung umgegangen?

Meine Eltern dachten, sie wären schon modern, indem sie mir im Vergleich zu anderen Migrantenkindern erlaubt haben, am Sexualkunde-Unterricht teilzunehmen. Als ich dann älter war, hat meine Mutter auch mit mir über ihr Sexleben mit meinem Vater geredet, aber nur sowas wie: “Das Kondom ist gerissen, deshalb bin ich schwanger geworden.” Es war immer mega abstrus für mich. In der Kultur wird nicht offen über das Thema Sex kommuniziert. Es ist ein Tabuthema. Punkt. Trotzdem wurde beim Kaffeeklatsch ab und an hinter vorgehaltener Hand darüber geredet.

 Wie ist die Ansicht deiner Familie zu Homosexualität?

Wie man es sich auch nicht anders denken kann, waren meine Eltern homophob, aber komischerweise hatten sie nichts gegen Transsexuelle, denn sie können ja nichts dafür, dass der liebe Gott sie in den falschen Körper gesteckt hat. Die Nachbarstochter in Bagdad hatte sich damals zum Mann umoperieren lassen. Meine Mutter kannte sie. Also gab es da einen persönlichen Bezug zu diesem Thema. Für meine Mutter war das nicht schlimm. Keine Ahnung, mit was für einer Logik sie ran gegangen ist. Auf jeden Fall bin ich sehr tolerant und extrem freiheitsliebend aus der ganzen Erziehung, die genau gegenteilig war, gewachsen. Eine lustige Anekdote meiner Mutter zum Thema Genitalverstümmelung von Frauen: “ Die haben sie ja nicht mehr alle, wie soll ich denn noch einen Orgasmus kriegen, wenn alles weg ist” – ich weiß nicht, inwieweit dies lustig ist, aber ich sag ja: ich habe eine ganz komische Familie mit komischen Ansichten.

 Woher hast du dein Wissen zum Thema Liebe & Sex herbekommen?

Das Internet hat da sehr geholfen. Gerade das Thema Jungfräulichkeit hat mich sehr beschäftigt. Das erste Mal hatte ich erst mit 20 Jahren. Da war ich schon von zuhause ausgezogen. Und ehrlich gesagt habe ich mir auch Pornos angesehen, um zu sehen wie Sex funktioniert. Jetzt bin ich eher abgeneigt von Pornos, weil ich nun weiß, was für ein unrealistisches Bild sie vor allem jungen Leuten liefern und was für einen Schaden sie anrichten können. Ich hatte auch einen wunderbaren ersten Freund, der mir alle Zeit der Welt gelassen hat und mit dem ich bewusst mit dem Thema und der Blockade in meinem Kopf viel aufarbeiten konnte.

Wie sieht es heute aus: Fühlst du dich komplett aufgeklärt?

Heute fühl ich mich nicht nur komplett aufgeklärt, sondern auch sexuell komplett frei und emanzipiert. Ich habe für mich das beschränkte Mindset, mit dem ich programmiert wurde, umprogrammieren können.

Titelbild: ©Ryan Moreno via Unsplash

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