Halb Porno, halb Adorno

Samstagabend, 15. Juni 2019. Es ist voll im Konzertsaal des Hühnermanhattans. So voll, dass die Organisatoren des Feminismen-Festivals noch weitere Bänke in den Raum bringen müssen. Man sieht ein paar Männer, aber vor allem drängen sich junge Frauen auf den begrenzten Plätzen. Nicht verwunderlich beim Vortragsthema des heutigen Abends: „Porno, Adorno“. Um feministische Pornografie und gesellschaftliche Kritik am Mainstream geht es der Kulturwissenschaftlerin Marian Mann, deren Vortrag das Feminismen-Festivals in Halle beendet.

Die junge Frau mit den blonden Locken studierte Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und setzte sich intensiv mit Populärkultur, Gender- und Geschlechtergeschichte auseinander, bis ihr Weg sie zu Erika Lust nach Barcelona führte. Bei der bekannten Regisseurin für „alternative Pornos mit feministischem, ästhetischem und politisch korrektem Anspruch“ arbeitete sie sechs Monate lang in der Presse- und Kommunikationsabteilung. Ihre Abschlussarbeit verfasste sie anschließend zum Thema „Selling Sex. Das ambivalente Verhältnis von Wirtschaft und Kultur im zeitgenössischen Pornofilm”.

Seit 2018 diskutiert Mann ihre Forschungsergebnisse zu Pornografie und Popkultur mit der Öffentlichkeit. Ihre Analyse bewegen sich zwischen Form und Inhalt, Individuum und Gesellschaft, Wirkmacht und Produktionsweise. Immer entlang der Fragen: Haben Pornofilme subversives Potential? Und wenn ja, wie könnte so ein Potential genutzt werden? Und kann uns Pornografie mehr erzählen als die favorisierten Sexpraktiken des deutschen Durchschnittsmenschen?

Marian Mann beim Vortrag in Halle
Marian Mann bei ihrem Vortrag „Porno, Adorno“ am 15. Juni im Hühnermanhattan

Für Mann sind Pornos einer der letzten Orte, „in denen Sex überhaupt noch verhandelt wird“. Die breite Macht der Pornografie, die bereits ein Drittel allen Internetverkehrs ausmacht, würde aber nicht zur Sexualaufklärung genutzt: „In Pornos gibt es keine Informationen zu Lustgewinn oder Geschlechtskrankheiten“, sagt die 25-Jährige. Die Kulturwissenschaftlerin klärt über die geschichtliche Entwicklung von Pornografie auf, angefangen bei den ersten Pornokinos in der BRD, über das Hauptvertriebsmedium Videokassette bis zur heutigen überall verfügbaren Online-Pornografie.

Sex als Effekthascherei

Begriffe wie Kapitalismus, Arbeitsteilung und Profitmaximierung in der Kulturindustrie prägen den zweiten Teil ihres Vortrages, als Mann auf Theodor W. Adorno zu sprechen kommt. In seinen Abhandlungen beschriebt der Philosoph das Potential des reinen Kunstwerks und setzt dieses in Kontrast mit den warenförmigen Unterhaltungsformaten der Massenproduktion. Leere Inhalte, immer gleiche Handlungsabläufe und wiederkehrende Stereotypen, die mit viel Effekten und bunten Farben zur Reklame einer kapitalistisch-chauvinistischen Welt werden.
Was würde Adorno sagen, wenn seine Theorie auf zeitgenössische Pornografie und ihre Produktionsweisen angewendet würden? Dass sexuelle Erregung als Kunsttrick genutzt werde, um die fehlende Kunstfertigkeit zu überdecken? Dass Pornos Effekte haschen, um den Mangel an Variation zu verstecken? Adornos Kritik, die Kulturindustrie bringe Menschen nicht zum Reflektieren und Nachdenken, sondern erziehe sie zu kritiklosen Konsumenten – sie passt sehr gut auf die Pornoindustrie.

Das Publikum hängt an Marian Manns Lippen und lauscht noch gebannter, als die Sprache auf die Mainstream-Pornografie fällt: Die meisten Pornofilme lassen sich auf den Ablauf Einleitung, Abarbeiten von Sexstellungen und den finalen „money shot“ (die Ejakulation des Mannes) herunterbrechen. Besonders die Titel dieser Filme beweisen die grundlegende Kategorisierung, so Mann. „Young chick with perfect tit rides her teacher“, „Asian school girl gangbang“ oder „Georgeous Milf sucks huge cock“ – Sexualität werde oft nur auf Alter, Rasse, Praktik, Stellung oder ein bestimmtes Körperteil simplifiziert. Höchstens der Ort (beispielsweise Parkplatz oder Arztpraxis) oder eine gewisse Ästhetik (z.B. point of view) spezifizieren die wohlbekannten Kategorien, so Mann.

Bio-Siegel der Pornografie

Dass diese gleichbleibenden Muster gewisse Sehgewohnheiten antrainieren müssen, liegt auf der Hand. Heutzutage etwas grundlegend Neues zu erschaffen, ist in der Pornoindustrie gar nicht so einfach. Eine gesteigerte Quantität („größere Schwänze, größere Titten“ wie Marian Mann es ausdrückt) ist da meist schon alles, was der Branche einfällt. Am spezifischen männlichen Blick habe sich aber trotz der technischen Entwicklung wie Virtual-Reality-Pornos nichts geändert: „Wenn ich mit einer VR-Brille an mir runtergucke, sehe ich dann trotzdem einen männlichen Körper“, kritisiert Mann. Nach wie vor fehle in der Pornografie die weibliche Identität als sexuelles Subjekt.

Auch die alternativen, teils feministischen Pornos wie von Erika Lust sieht die junge Frau nicht unkritisch: „Trotz des vermeintlichen Bio-Siegels der Pornografie stellen auch diese Filme einen gewissen Anspruch an die weibliche Sexualität.“ Marian Mann spricht bewusst nicht über bestimmte Alternativen zum Mainstream-Porno oder über konkrete Projekte, sondern ordnet vielmehr die Pornografie als Produkt der Kulturindustrie gesellschaftlich ein. So wie – wenn auch auf andere Weise – auch vor ihr Adorno.

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