Pink Or Blue

Männer hören nicht zu, können schlecht bügeln und haben eine hervorragende Orientierung. Frauen können nicht einparken, sind sprachbegabter und haben nie Lust auf Sex. Solche Stereotype verkaufen sich gut. Aber stimmen sie auch?

Im Rahmen des diesjährigen Silbersalz-Festivals in Halle kamen zwei Sexualexpertinnen zu einer unverblümten Diskussion über Geschlechterklischees, Anziehung und Liebe zusammen. Ob das biologische Geschlecht den kulturellen Rollenzuschreibungen entspricht, versuchten Ann-Marlene Henning und Prof. Dr. Kerstin Palm beim „Love Brunch“ zu ergründen.

Ann-Marlene Henning, Moderatorin Juliane Victor und Kerstin Palm (v.l.n.r) im Lichthaus in Halle

Ann-Marlene Henning ist Sexualtherapeutin, Autorin, Moderatorin – und aktuell Deutschlands bekannteste Sexologin. Ihr Aufklärungsbuch „Make Love“ wurde für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert.

Die Probleme meiner Klienten entstehen oft dadurch, dass meine Klienten denken, dass Dinge sind, wie sie gar nicht sind.

Ann-Marlene Henning, Sexualtherapeutin

Prof. Dr. Kerstin Palm leitet die Arbeitsgruppe Gender und Science an der Humboldt-Universität zu Berlin und kennt die geschlechtsbezogenen Vorurteile noch aus ihrem eigenen wissenschaftlichen Studium: „Nur weil ich eine Frau war, wurde ich direkt als ungeeignet eingestuft. Ich weiß noch, wie unser Professor allen Herren viel Erfolg im Studium und den Damen eine ‚gute Partie‘ wünschte.“ Begeistert von Naturwissenschaften und auch entsprechend talentiert sei Palm damals im Studium gewesen, „dennoch wurde mir eine bestimmte Begabungslage unterstellt, allein aufgrund meines Geschlechts“. Um diesen Vorurteilen in Zukunft besser begegnen zu können, begann sie, sich mit Geschlechtsstereotypen in der Forschung auseinanderzusetzen.

 „Sind Männer- und Frauen-Gehirne denn nun so unterschiedlich?“ kommt als Frage aus dem Publikum. Kerstin Palm antwortet bestimmt: „Ja, wenn bestimmte Bedingungen vorherrschen, und nein, wenn andere Bedingungen vorherrschen.“ Die Anatomie des Gehirns sei situationsabhängig – anders als viele denken, ist es bei der Geburt noch kein entwickeltes Endprodukt, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens gemäß seinen Außenreizen.

Ann-Marlene Henning

„Ein beliebtes Klischee ist ja immer die Spielzeug-Situation bei Kindern: Jungs spielen mit Autos oder Waffen, Mädchen mit Puppen, das kennt man ja. Ein verbreiteter Irrtum ist es zu glauben, das Verhalten ändere sich nicht, wenn man das Spielzeug tauscht – dann würden eben die Jungen die Puppen herumwerfen und die Mädchen die Autos füttern und streicheln. Das ist natürlich Quatsch. Geschlechterklischees werden häufig anerzogen“, erzählt Ann-Marlene Henning. Viele Frauen könnten allein deswegen schlecht einparken, weil sie schon der Fahrlehrer darauf hinweise, dass das ja eh nichts werden könne.

Gesellschaftlicher Druck

Aus der Arbeit in der eigenen Praxis weiß Henning, dass auch Klischees wie „Männer haben immer Lust auf Sex, Frauen nie“ in Wahrheit nicht immer gelten. „Ich habe auch Paare, bei denen es genau umgekehrt ist. Beide Partner empfinden dann einen Druck, so sein zu müssen wie alle anderen und fühlen sich entsprechend schlecht, wenn sie den gesellschaftlichen Vorgaben vermeintlich nicht entsprechen.“ Eine bessere Aufklärung hinsichtlich geschlechtlicher Vorurteile sei daher dringend nötig.

Eine Zuschauerin mit Kleinkind auf dem Arm meldet sich und fragt, ob eine geschlechtsneutrale Erziehung für ihren Sohn am besten sei. Das zustimmende Gemurmel aus dem Publikum verstummt, als sich beide Expertinnen entschieden dagegen aussprechen: In der Theorie interessant, „in der Praxis aber beschissen“, betont Ann-Marlene Henning. Kerstin Palm stimmt zu: Der Mensch sei ein Bindungstier, das nach Orientierung suche, sich dabei mit anderen vergleiche und dann natürlich auch Unterschiede feststelle. Wenn ein geschlechtsneutral erzogener Junge später in der Kita mit Stereotypen und medialen Darstellungen überhäuft würde, könne es zu Identitätsstörungen kommen. „Neutral geht gar nicht“, sagt Henning, auch wenn geschlechtsbezogene Vorurteile durchaus in der Erziehung thematisiert werden dürften: „Kinder sollten den Mut bekommen, diese Stereotype zu erkennen und auch zu brechen, oder aber im Gegenteil für sich anzunehmen.“

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